Die letzte Schlacht der Jaguarkrieger

Die Ebene der Bauern lag so früh am Tage noch im Schatten der schwarzen Berge, die sie von Est, Mir, Sud, Wes und Yden umgaben. Nur nach Nor bot nur das Meer einen trügerischen Schutz, bis vor einem Jahr die Heere aus Erainn und Albion mit Übermacht an der Blumenküste gelandet waren. Sie hatten die Jaguarflotte mit einem Handschlag weggewischt, hatten sich durch die Ebene der Blumen geschnitten wie ein bösartiges Kind, das mit einem Stock ein Blumenbeet zerstört, und hatten seitdem die Burgen und Städte in den Hochländern des Südens belagert.
Aus Norden, vom befreundeten Reich des Wolfs, war keine Hilfe zu erwarten gewesen. Eine kluge Planung hatte von langer Jand vorbereitet, daß die ganze Alte Welt gleichzeitig im Krieg versank.
Während der Jaguar auf Huanaca einsam und allein gegen die Invasoren aus dem Norden stand, wurde Waligoi gleichzeitig übers Meer von Westen durch Tir Thuatha angegriffen und von Osten durch Lugaristan, stand also ebenfalls einer Übermacht gegenüber.
Das Drachenreich von Ranabar und der Löwe Kanzaniens griffen über See Arangha Aroa und Al Marun auf Hondanan an, unterstützt vom gleichzeitig von Süden über Land angreifenden Greifenreich Wolsan.
Von überall kamen Nachrichten, die Angegriffenen seien dabei zu verlieren.
Auch auf Huanaca bestand keine Hoffnung mehr. Zwar würde der Orden der Jaguarkrieger nicht untergehen, denn der Orden hatte während der Finsternis genug Rückzugsgebiete in unzugänglichen versteckten Tälern inmitten der zahlreichen Hochgebirge des Inselkontinents geschaffen.
Das Reich, wie es bisher bestanden hatte, würde aber nicht wieder erblühen. Dafür waren die Rüstpotentiale in den verstreuten Tälern zu gering, als daß der Jaguar noch einmal eine Armee gegen die Invasoren hätte aufstellen können.
Zwar hatte der Orden gut vorgesorgt, die ganze Regierung, der ganze handlungsfähige Adel und der Ahsunwar des Ordens, Anguisant Mahpina, waren über verschwiegene Pfade ins Verborgene entschwunden, sobald klar wurde daß Huanaca gegen eine nicht zu besiegende Übermacht stand. Der dahinterstehende Plan war einfach: die Invasoren sollten niemanden vorfinden, der berechtigt gewesen wäre eine Kapitulation zu unterschreiben. So konnte man notfalls jahrzehntelang einen Kleinkrieg aus den Bergen und Wäldern führen, bis die Invasoren vielleicht durch andere Feinde beschäftigt wurden.

Der Plan hatte nur einen kleinen Fehler. Die Magierpriesterschule von Zayataltec.
Diese lag außerhalb der Stadt und war daher gleich am ersten Kriegstag von den schnell vorrückenden Erainnern vom Umland abgeschnitten worden. Die Lehrer waren am Tage der Invasion zufällig in die Stadt beordert worden, um an einer Zeremonie auf der Pyramide von Zayataltec teilzunehmen.
Die Schüler waren also ganz allein auf sich gestellt in der ummauerten Schule eingeschlossen worden. Sie hatten sich dort seit einem Jahr verbarrikadiert und weigerten sich, aufzugeben. Einige vorwitzige Belagerer, die dachten es ja nur mit Kindern zu tun zu haben, hatten ihren Hochmut mit Verwundungen durch Pfeile bezahlt.
Wie der erainnische Heerführer von einem gefangenen Schuldiener erfahren hatte, lernte auf eben dieser Ordensschule auch die Tochter des Priesterfürsten von Zayataltec. Der Fürst war nicht greifbar, niemand von Adel war mehr lebend greifbar, aber Kriege wurden nach altem Brauch beendet, indem man jemanden zwang seine Unterschrift unter einen schandbaren Kapitalutionsvertrag zu setzen.
Zwar regierte letztlich sowieso nur die nackte Gewalt, aber der Glaube der auf dieser Gewalt basierenden Herrscherhäuser an die Kraft eines kleinen Stückes Papier war groß genug, um auf die Chance zu setzen, die das Mädchen den Invasoren unfreiwillig und ohne es zu wissen bot.
Aus diesem Grund lebten die Schüler noch. Statt die Gebäude einfach mit Onaghern in Brand zu schießen, hatte man sich begnügt alles weiträumig zu umstellen und wartete.
Sobald es nichts mehr zu essen gab, mußten sie ja herauskommen.
Dann würde man die Kleine höflich bitten, den Wisch zu unterschreiben, der bereits vorbereitet war.
Würde sie es nicht tun, nun, dann durfte sich der Abschaum an ihr vergnügen, bis sie dann doch unterschrieb.
Und eben jetzt war der Bote aus den Bergen gekommen, mit der Nachricht daß im Hochland jeder Widerstand gebrochen war, Huanaca war militärisch gefallen.
Außer dieser verdammten Priesterschule voller Kinder und Jugendlicher da draußen.
Finn, der hier das Kommando über die Nachschublinie hatte, gedachte die Sache abzukürzen. Es würde bestimmt gut ankommen bei den führenden Coranniaid, wenn sie aus dem Kampf zurückkehrten und er konnte bereits den Friedensvertrag präsentieren. Dafür war bestimmt eine schöne Landschenkung über dem Meer in der Heimat drin. Dann würde er sich hier eine glutäugige Schönheit suchen und beweibt nach Hause zurückkehren, um ein eigenes Haus zu gründen.
Mit diesen Gedanken ritt Finn begleitet von 10 Mann und einer weißen Fahne hinaus vor die Stadt, zum Belagerungsring, bestehend aus dem ganzen Pack und Abschaum, der sich vor den richtigen Kämpfen auf Huanaca gedrückt hatte, um hinten um so ungestörter plündern zu können.
In Bogenschußweite zur Schulmauer machte der kleine Trupp Halt.
"Hedaaaaaa!" schrie Finn.
"Wir wollen verhandeln!"
Drüben wurden sie offensichtlich gehört. Jaguarfelle und phantastischer Kopfschmuck wurde sichtbar. Die hatten doch tatsächlich Kleidung an wie richtige, erwachsene Jaguarkrieger! Unglaublich, diese Barbaren hier, dachte Finn. In Erainn waren Kinder noch Kinder, hier hielten sie bewaffnet eine Schule besetzt.
"Wir werden nicht verhandeln" wurde in ihrer Sprache gerufen.
Daraufhin guckten die Belagerer recht dumm. Sie hatten wohl gedacht, da drinnen würde man sie nicht verstehen und ungeniert und lauthals über die Kriegsentwicklung gesprochen. Und was man mit dem Mädchen da drin zu tun gedenke, wenn man es endlich in die Finger kriege. Offensichtlich wurde in hiesigen Magierschulen mehr als nur Magie gelehrt.

Die Schüler hatten sich im Hof in der Deckung der Mauer in voller Kampfmontur versammelt. Alle waren bewaffnet, mit Bogen und Axt.
Sie hatten sich besprochen, was zu tun war, nachdem die ersten die Staubwolken im Süden erspäht hatten. Allen war klar, daß da nicht die Jaguararmee anrückte.
"Fort können wir nicht" hatte der gewählte Sprecher der Priesterschüler erklärt.
"Wir sind rettungslos umzingelt. In die Berge kommen wir nicht, dafür haben sie zu viele Krieger hier gelassen, die Erainner. Wenn wir uns ergeben, werden wir als Schüler des Ordens der Jaguarkrieger alle auf die Ruderbänke ihrer Schiffe gekettet und sterben unter der Peitsche. Und sie", er deutete auf ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren, das goldene Sonnen an den Ohren trug, "ihr habt alle gehört was die Schweine da draußen mit ihr machen werden."
"Laßt uns abstimmen", sagte das Mädchen mit dunkler Stimme.
"Ja, abstimmen!" riefen alle im Chor.
"Gut", sagte der Sprecher. "Wollt ihr also sterben, wann und wie es denen da draußen gefällt?" Dann hebt jetzt die Hand.
Keine Hand erhob sich.
Aber keiner schaute glücklich oder heldenhaft drein. Alle wußten seit Tagen, daß es zu Ende war, seit sie nämlich nichts mehr in der Vorratskammer hatten.
"Wollt ihr also selbst entscheiden, wann und wie ihr sterbt?" fragte der Sprecher ernst.
"Wir wollen es tun, solange wir noch die Kraft haben, zu kämpfen", antwortete ein kleinerer Junge, höchstens 14. Die Meisten hier waren schon 16, das Mädchen schon 17.
Alle Hände hoben sich entschlossen. Es gab kein Entkommen, jedes weitere Hinauszögern war sowieso nur noch eine Qual.
"Helft euch beim Sterben, laßt keinen in ihre Hände fallen, sobald ihr zu stark verwundet seid" ermahnte der Sprecher die Gruppe.
Das Mädchen berührte einen der Jungen an der Schulter. "Toltec", sagte sie leise, "würdest Du hinter mir gehen?"
Toltec sah sie flehend an, kein Krieger mit Ehre würde ein Mädchen verletzen.
"Bitte", sagte sie, "die Götter werden Dir vergeben, erstich mich bevor ich in die Hände von denen da falle" sagte sie und fauchte dabei verachtungsvoll und auch voller Angst. Die lauthals geführten Gespräche der besonders feinfühligen Söldner da draußen hatten ihr seit Tagen klargemacht, daß es für SIE hier den furchtbarsten Tod von allen geben würde, fiele sie in deren Hände. Das waren auch zum Großteil keine Erainner, die Invasionsflotten aller Siegerreiche hatten nämlich die Räuber und Mörder der ganzen Welt angezogen wie ein Haufen Kuhscheiße die Fliegen.
In ihrem Blick las Toltec so etwas wie "ich habe Dich doch immer abschreiben lassen", bevor sie das am Ende noch sagte schluckte er schwer und versprach ihr, daß er bestimmt und auch wirklich zustechen werde. Sobald sie rettungslos verwundet sei. "Danke" sagte sie und umarmte ihn. "das werde ich Dir über den Tod hinaus nicht vergessen. Erinnere mich im nächsten Leben daran, wenn Du einen Gefallen brauchst."
Alles lachte laut auf.
Einer öffnete das Tor, und die kleine Gruppe ging hinaus, dem Tod entgegen.

"Was ist das denn? Die ergeben sich doch" rief einer der Söldner an Finn gerichtet.
Das Tor hatte sich geöffnet, und eine für erainnische Augen seltsame Prozession kam heraus marschiert. Keiner machte das Tor wieder zu, das waren sie also scheinbar alle. Wenn es keine List war . . .
Einer trug einen Speer mit einem großen grünen Tuch daran.
Sie ergaben sich, gut, dachte Finn.
Da hob der Speerträger seinen grünen Lumpen so hoch empor wie er konnte und schwenkte ihn hin und her. Jetzt konnten alle auf erainnischer Seite den violetten Streifen des Jaguarwappens erkennen. Das war kein grünes Tuch um sich zu ergeben, das war die Reliquie aus dem Lehrsaal. Sie würden ihr Banner ja nie wieder brauchen, also konnten sie es auch in den Untergang mitnehmen.
In diesem Moment fächerten die bunt kostümierten Kinder auseinander, in zwei Linien, die erste Linie griff nach den Bögen und hatte schneller als man schauen konnte die erste Salve abgeschossen.
Die zweite Linie trat zwischen der ersten nach vorn und schoß ebenso schnell ihre Pfeile ab, das wiederholten sie solange bis sie keine Pfeile mehr hatten.
Derweil lagen über einhundert getroffene erainnische Söldner am Boden. Sie hatten ihre gepanzerten Westen abgelegt, man bewachte hier ja nur Kinder.
Ihnen gegenüber standen 30 Kinder. 30. Eins davon ein Mädchen mit Gold an den Ohrringen. Das weckte die Gier aller Überlebenden Erainner auf dem Feld, und das waren mit allen die die Schule umstellt hatten so ungefähr noch 1000.
"Halt, wir müssen sie so überwältigen, es sind nur Kinder", rief Finn, der genau wußte daß der hier stationierte Pöbel gleich durchdrehen würde. "Die Coranniaid wollen sie lebend" rief Finn.
Wie zum Hohn trat nun das Mädchen vor die herausgeputzten Jaguarkrieger.
Sie schrie den Erainnern einen gellenden Zornesschrei entgegen.
Und dann legte sie los, mit einem gellenden Ton der bald in ein schreckliches Kreischen überging, das den Erainnern durch Mark und Bein drang, daß es ihnen kalt den Rücken herunter lief.
"Ich verfluche euch alle! Sollten wir hier sterben" – das wäre zum Lachen gewesen, wenn sie nicht sooooo furchtbar kreischen würde, dachte Finn,
"werden wir wieder und wieder in euren Familien und Ländern wiederkommen und euch und eure Nachkommen töten!"
Die Erainner blickten trotz des Zahlenverhältnisses entsetzt zu dem kleinen Trupp hinüber, der jetzt völlig regungslos hinter der sich wie eine Furie gebärdenden Hexe stand.
Bei dem schrecklichen Gekreische dachte keiner daran, vielleicht auch mal einen Pfeil zurück zu schicken. Die Erainner standen nur mit offenem Mund da und hielten sich teilweise sogar die Ohren zu.
"Das ist eine Morrigan!" rief einer entsetzt.
Das ist ja schlimmer als Sirenengesang, dachte Finn. Wo hatte die Kleine da nur so viel Stimme? Und das Gekeife wurde immer schlimmer, nun verstand man schon garnichts mehr.
Da drehte sie sich um und sprang hinter die Linie der jungen Krieger.
Und schon schwirrte die nächste Pfeilsalve heran. Da warfen sie auch schon die Bögen weg und rannten los. Auf die erainnische Übermacht zu. Inzwischen waren alle Belagerer auf dieser Seite der Schule versammelt, die 30 Kinder stürmten also gegen eintausend Erwachsene an.
"Ich nagele dich an das Tor da hinten, bevor ich es dir gebe" brüllte der Söldnerführer wutenbrannt der kleinen Horde entgegen, und eine Pfeilwolke deckte die Kinder ein. Getroffen wurde aber keines, wie durch Zauberhand hatten sie alle auf einmal kleine Schilde am Arm und wehrten die Pfeile ab wie Gaukler auf dem Markt.
Vergeblich rief Finn immer wieder, man solle sie herankommen lassen und einfach überwältigen, es seien doch nur Kinder und die Coranniaid wollten sie lebend, aber keiner hörte ihm zu.
Tatsächlich erreichten die 30 scheinbar völlig unverletzt die erste Reihe der zusammengerotteten Erainner, die statt einer Kampflinie wie sie die Kinder vorgeführt hatten eher einen Kampfklumpen bildeten. In den fuhren die wie die Tiere verkleideten Kinder jetzt wie die Furien hinein. Die Äxte wirbelten nur so in die erainnischen Köpfe und Arme hinein, daß das Blut spritzte. Aber 1000 Söldner die Goldohringe gesehen haben und verroht genug waren, sich alle nacheinander über dieses Mädchen da hermachen zu wollen, liefen doch nicht vor 30 Kindern davon.
Hätte Finn nicht dauernd gerufen, es seien doch nur Kinder, wären sie am Ende vielleicht noch fortgelaufen, denn dieser Haufen hier kannte scheinbar gar keine geordnete Kampfweise. Wären die Kinder dort eine Hundertschaft gewesen, so war sich Finn nach dem was er hier zu Gesicht bekam jetzt sicher, hätten sie gewonnen. Hätten sie jetzt schon gewonnen gehabt.
So aber sanken nun aufgrund der Masse der Erainner die ersten Kinder zu Boden. Auch ein brutaler Mörder ohne Hirn traf mal mit seinem Spieß, wenn es ihn nicht vorher traf.
Und dann war es ganz schnell vorbei. Das Mädchen und ein Junge waren noch übrig, das Mädchen nur weil der Pöbel sie natürlich vorerst unbeschädigt wollte, der Junge weil er sich immer hinter ihr gehalten hatte. Wie man jetzt sah, hatten aber beide jeweils einen Pfeil in ein Bein bekommen, wie hatten sie nur damit weiterkämpfen können? Nun lagen sie nebeneinander, und Finn sah wie sie sich gegenseitig mit einem Dolch erlösen wollten.
"Nein" schrie Finn und lenkte sein Pferd rücksichtslos in die Menge, die lüstern um die beiden stand und in Erwartung der kommenden Vergewaltigung tatsächlich sabberte.
Finn ekelte sich vor der eigenen Armee mit einem Mal. Niemals wieder würde er noch einen Kriegszug mitmachen, schwor er sich in diesem Moment.
Er hatte sein Schwert gezogen und hielt es drohend hoch.
"Zurück! Zurück!"
Der Mob wollte nicht ablassen.
Währendessen hatten die beiden aufeinander eingestochen., der Junge, selbst tödlich ins Herz getroffen, war mit seinem gleichzeitigen Stich aber abgerutscht und hatte das Mädchen nur schwer verletzt.
Sie schrie nun vor Schmerz und Entsetzen laut auf und schlug sich die Hände vor das Gesicht, ihren Dolch hatte sie fallengelassen.
Finn deutete in seiner Verzweiflung auf die Staubwolken im Süden. "Seht, da kommt die Armee zurück. Die Coranniaid lassen euch alle aufhängen, weil das Mädchen verletzt wurde, wer soll denn jetzt den Vertrag unterschreiben, wenn sie vorher stirbt?"
Das war ein überzeugendes Argument. Auf einmal dachte keiner aus dem Mob mehr an die goldenen Ohrringe, die man eben noch dem sterbenden Mädchen herausreißen wollte. Zu der Staubwolke im Süden gesellte sich eine zweite hier im Norden, die sich so rasch die Füße trugen Richtung Küste entfernte.
Während Finns Begleiter von den Pferden absaßen und sich darum kümmerten, ob noch irgendeinem der Jungen zu helfen war, hatte sich Finn neben das Mädchen gekniet. Sie sah gar nicht gut aus. Sie hatte sichtlich furchbare Schmerzen und biß zitternd die Zähne zusammen. Sie war nicht mehr in der Lage den Dolch zu halten. Sie hatte verstanden, daß er sie lebend wollte und sich auch nicht an ihr vergehen würde.
"Ich habe nicht gewußt, wie weh das tut. Bleibst Du bei mir bis es zu Ende ist, falls die zurückkommen?", flehte sie ihn an. Sie meinte den Hals über Kopf flüchtenden Abschaum, der eben sehr eilig seiner Strafe durch den bald eintreffenden erainnischen Heerführer entging, eigentlich mehr entrannte.
Finn sah ihr in die Augen und wußte sofort, was mit "Erkennen" sich Liebender gemeint war. Er war auf den ersten Blick in diese grünen Augen verliebt, in denen er sah daß sie ihn ebenfalls erkannt hatte. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick, für sie beinahe auf den letzten.
"Ich gehe nie mehr fort", versprach er ihr.
"Warum bist Du nicht früher gekommen" fragte sie verzweifelt, "jetzt, wo ich gehen muß...".
"Ich bin Finn. Wer bist Du?" flüsterte er ihr zu und beugte sein Ohr nahe an ihren Mund.
"Zayatal", hauchte sie in sein grünes spitzes Ohr:. "Zayatal ... Morgaine . . . mein Vater . . . wollte die gute . . .Nachbarschaft zu euch in Erainn . . . mit einem zweiten Namen unterstreichen" , sie lächelte trotz ihrer Schmerzen wie über einen Witz, während ihre Stimme immer schwächer wurde.
Er legte seine Lippen auf die ihren, ihre letzte Atemzüge verschmolzen so mit den seinen, während seine Tränen sich mit ihren Sommersprossen zu einem glitzernden Spiel in der Sonne entwickelten.
So starb sie weder ungeküßt noch unbeweint.

Finn schickte seine 10 Mann der Armee entgegen, Bericht zu erstatten.
Weinend brachte er seine kleine gebrochene Blume nach Zayataltec, wo er sie auf seinen Armen die Treppe der Mondpyramide hinauftrug.
Oben angekommen, legte er sie ganz vorsichtig auf den Altarstein. Er ordnete ihr die zerzausten Haare, die er strahlenförmig um den Kopf herum auslegte, und legte ihr eine gelbe Wüstenrose auf das schwarze Haar.
Sein tränenverschleierter Blick wanderte über den Platz vor der Pyramide, wo sich inzwischen aufgeregt murmelnd die halbe Stadt versammelt zu haben schien. Die Huas schauten zu ihm herauf und deuteten mit den Armen auf den Altar.
Der Coranniaid zog den von Niemandem unterschriebenen Friedensvertrag aus dem Gürtel, legte ihn zu Füßen der Toten und beschwerte ihn mit seinem Schwert.
Dann nahm er seinen Dolch mit der rechten Hand, ergriff mit der linken die schon kalte Hand der Toten, seiner geliebten Totengöttin, und schnitt sich mit einem raschen Schnitt die Adern an der Innenseite der linken Handwurzel durch.
Trotz des Schmerzes fest die Hand seiner toten Braut haltend, lehnte er sich seitlich an den Altarstein. Während die Huas niederknieten und die ehrende Totenklage anstimmten, denn nur ein freiwillig gebrachtes Opfer ist ein wahres Opfer zu Ehren der Götter, schwanden Finn langsam die Sinne, während sein Blut den Altarstein benetzte, so daß Zaya wie auf einem roten Samt lag, und ein schmaler Teppich aus Blut Stufe um Stufe die Pyramidentreppe hinunter rann, so daß es von unten aussah als werde tatsächlich wie von Zauberhand ein roter Teppich entrollt.

Als die zurückkehrende erainnische Armee in die Stadt einrückte, hatten die Einwohner inzwischen die übrigen toten Kinder wie zum Ehrenspalier für ein Brautpaar rechts und links neben die Blutspur auf die Stufen der Pyramide gelegt.
Keiner hatte den toten Coranniaid angerührt.

So eine Geschichte ist nichts, das Sieger in die Geschichtsbücher schreiben. Die so ruhmlos gewonnene Schlacht gegen die Kinder von Zayataltec wurde nie erwähnt. Diesen Coranniaid Finn hat es nie gegeben.
Ein Friedensvertrag zwischen Erainn, Albion und Huanaca wurde bis heute nicht unterschrieben, obwohl die Insel seitdem bereits sogar mehrmals den Besitzer hin und her gewechselt hat.
Immer noch lebt der Orden der Jaguarkrieger an unzugänglichen Orten in den Gebirgen und darin versteckten Gebirgstälern.
Und seit inzwischen 41 Jahren bringen die erwachsenen Geschwister der toten Kinder von Zayataltec an jedem Jahrestag gelbe Rosen auf die Mondpyramide, die so in dieser Nacht im Mondlicht ganz in Gold getaucht erscheint.
Das –tec wird seit diesem Tag weder mitgesprochen noch geschrieben, wenn von der Stadt die Rede ist. Opfer auf Pyramiden werden nicht mehr gebracht.

Anhang: Huanaca-Karte von Erhard Ringer für den Zeitpunkt der Geschichte.


1) Es gibt ein Kinderbuch des DDR-Schriftstellers Willi Meinck namens "Die letzte Schlacht der Jaguarkrieger". Es handelt vom Untergang der Azteken, leider besaß ich das Buch noch nie, es steht aber ganz oben auf meiner Wunschliste. Als Kind habe ich "Salvi Fünf" von Willi Meinck gelesen und "Die Abenteuer des Marco Polo", deshalb empfehle ich seinen Untergang der Jaguarkrieger unbesehen.